BuB 7/8 2002

Kunst für alle: Die Artotheken

Artothek (zu lat. ars, artis >Kunst< und griech. theke>Ort, an dem etwas aufbewahrt wird<) die, -/-en, Verleihstelle für Kunstwerke.
Brockhaus, 19. Aufl.

"Artotheken sind Einrichtungen verschiedener Träger - öffentlicher Bibliotheken, Kulturämter, Museen, Kunstvereine u.ä. - die originale Werke aktueller Kunst kostenlos oder gegen geringe Gebühr, befristet häufig auf zwei bis vier Monate, entleihen. Sie geben damit ihren Kunden die Möglichkeit, sich zu Hause in Ruhe mit Kunst auseinander zu setzen. In diesem Zeitraum wird das Bild nicht nur vom Entleiher selbst sondern von den Familienangehörigen und Besuchern sozusagen mitbenutzt, erreicht also in der Regel ein viel größeres Publikum als das entliehene Buch. In Museum und Galerie können wir Bilder bestenfalls 'anlesen'. Was würden wir von jemandem halten, der in einer Bücherei in einer Stunde 50 Bücher 'anläse'? Auch ein Werk der bildenden Kunst erschließt sich dem Betrachter nur über einen längeren Zeitraum. Das auch denjenigen zu ermöglichen, die sich teure Originale nicht leisten können, ist eine wesentliche Aufgabe der Artotheken. Falls jemand ein Bild erwerben möchte, so ist dies oft durch Vermittlung möglich, es wird jedoch nicht erwartet. Durch diesen unverbindlichen Charakter der Ausleihe wird Schwellenangst abgebaut, werden auch Menschen angesprochen, die nicht ohne weiteres in eine Galerie gehen würden. Neben dem Wunsch, "der Kunst ein neues Publikum zu gewinnen", hatten sich die Artotheken von Anfang an zum Ziel gesetzt, Kunst und Künstler zu fördern.
" Homepage des "Artothekenverbandes Deutschland e.V." (http://www.artothek.org/)

"Man muß mit diesen Werken, die ja energetische Wesen sind, eine Zeitlang leben."
Jean-Christophe Ammann, Museumsdirektor, Frankfurt 1993

Artotheken in Deutschland

In Deutschland gibt es knapp 130 Artotheken oder Graphotheken. 66 davon befinden sich in öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken, 28 in unterschiedlicher Organisationsform direkt der kommunalen Kulturverwaltung unterstellt, 13 in Museen oder städtischen Galerien angesiedelt, 17 in Kunstvereinen, davon 4 quasi selbständig mit hauptsächlichem Ziel des Kunstverleihs, 5 sind bei Volkshochschulen angesiedelt. Diese Aufzählung unterliegt permanenten Änderungen, da auf dieser nachgeordneten Ebene öfters umorganisiert wird. Die geographische Verteilung weist ein klares West-Ost-Gefälle und ein deutliches Nord-Süd-Gefälle auf. Dabei darf nicht übersehen werden, dass sich auch bei der Kunstausleihe eine, wenn auch langsame, Expansion vollzieht. In Baden-Württemberg gibt es z.B. derzeit 19 Artotheken, vor 10 Jahren waren es noch 12.
Die Entwicklungsperspektiven schätzt der erste Vorsitzende des Verbandes, Dr. Johannes Stahl, positiv ein: "Insgesamt hat der Kunstverleih Rückenwind. Soweit der Eindruck der (nach Wegfall der jährlichen Statistik durch das DBI) stichprobenartig bekommenen Zahlen nicht trügt, haben die Artotheken 2001 einen spürbaren Zuwachs an Ausleihen. Zudem übersteigt die Anzahl der Neugründungen die der Schließungen deutlich. Ein wichtigeres Indiz ist meines Erachtens die Wahrnehmung von Artotheken in der Presse, die seit Gründung des Bundesverbands stark gestiegen ist. Auch in Aufzählungen kunstvermittelnder Institutionen erscheint häufiger das Wort "Artothek". Wegen seines immer noch geringen Bekanntheitsgrads wird es noch immer missverstanden, öfters auch als eine "Bilderliste" oder "Bildangebot" verwendet wird, ohne daß es direkt um den kostengünstigen Verleih von Kunst ginge. Auffallend ist die meiner Erfahrung nach gewachsene Anzahl der Firmen und Institutionen, die das Angebot der Artotheken gezielt einsetzen, um Atmosphäre und Dynamik des eigenen Arbeitsprozesses zu fördern."

"Ob diese Kunst in meinem Betrieb etwas ausmacht, kann ich nicht berechnen. Aber ich kann es spüren."
Unternehmer, Bad Honnef 2000

Die Selbstorganisation nach Auflösung des dbi

Die Artotheken führen, bedingt durch geringe Anzahl und unterschiedliche Trägerschaft, ein relatives Schattendasein. Bis zur Abwicklung des Deutschen Bibliotheksinstitutes wurde die dortige Clearingstelle für Artotheken hauptamtlich von Detlef Schwarz betreut, der vier Artothekenrundbriefe pro Jahr herausgab und eine zentrale Fortbildungsveranstaltung organisierte. Bei der letzten dieser Veranstaltungen des dbi, im September 1999 in Nürnberg, gab es bereits Absichtserklärungen, einen Verein der Artotheken in Deutschland zu gründen. Damit die fachliche Infrastruktur der Artotheken nicht vollends zerfällt, wurde im Mai 2000 in Eckernförde der Artothekenverband Deutschland e.V. gegründet. Er hat sich folgende Aufgaben gestellt:

  • die Sammlung und Auswertung von Informationen zum Kunstverleih in Deutschland
  • die regelmäßige Veranstaltung von Fortbildungsseminaren
  • die Führung einer aktuellen Adressenliste der Artotheken sowie eine Statistik des Kunstverleihs
  • Hilfe bei drohender Schließung von Artotheken
  • Beratung bei der Gründung und Unterhaltung von Artotheken
  • die Herausgabe von grundlegenden Publikationen zum Kunstverleih
  • die Entwicklung von Werbekonzepten für den Kunstverleih
  • Der Artothekenverband Deutschland informiert die Öffentlichkeit, um den Kunstverleih in Deutschland als wertvolles Bildungs- und Kulturangebot besser bekannt zu machen und das Berufsbild der im Kunstverleih tätigen Menschen zu verdeutlichen.
  • Der Artothekenverband Deutschland organisiert den fachlichen Erfahrungsaustausch zwischen den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Artotheken und Graphotheken, den Vertretern der Träger der Institutionen des Kunstverleihs und unabhängigen Experten.
  • Der Artothekenverband Deutschland nimmt die Interessen des Kunstverleihs in Politik und Gesellschaft wahr. Er kann seine Mitglieder in vertraglichen Dingen vertreten. Er hält auf internationaler Ebene Kontakt mit den Artothekenverbänden im Ausland.

Dem Verein gehören inzwischen 33 Institutionen und eine private Person als Mitglieder an. Als Kommunikationsplattform dient die Homepage des Artothekenverbandes Schleswig-Holstein, die mit Landesmitteln als Internetportal für die Kunstausleihe aufgebaut wurde.

Inzwischen sind weitere Landesverbände als Untergruppierungen entstanden, um innerhalb der föderalistischen Struktur Deutschlands besser an Gelder und infrastrukturelle Förderung zu kommen. Die Landesverbände sind unabhängig, arbeiten aber eng mit dem Bundesverband zusammen. Im Mai 2001 fand in Zusammenarbeit des EDBI und des Artothekenverbandes ein Fortbildungsseminar für die MitarbeiterInnen in Artotheken und Graphotheken in Buxtehude statt, im Mai 2002 luden beide zu einem zweitägigen Seminar zum Thema "Werbe- und Öffentlichkeitsmaßnahmen" in die Artothek Filderstadt ein. Dort hat auch die im Herbst 2001 gegründete Landesgruppe Baden-Württemberg ihren Sitz.

"Unser Leben wäre arm ohne Geld, ohne Kunst wäre es ärmlich."

Die Artothek der Stadtbücherei Biberach.

Als Beispiel für eine öffentlich getragene und in eine Bibliothek integrierte Artothek soll die Kunstausleihe des Medien- und Informationszentrums Biberach vorgestellt werden. Die Artothek der Stadtbücherei Biberach wurde 1982 durch bürgerschaftliches Engagement und eine Spende des damaligen Oberbürgermeisters Claus-Wilhelm Hoffmann gegründet. Damals standen 70 Bilder zum Entleihen bereit, heute werden 371 Exponate von 154 Künstlern angeboten. Das sind Aquarelle, Fotografien, Holzschnitte, Linolschnitte, Lithographien, Ölbilder, Radierungen, Serigraphien und Misch-Techniken. Die Vermehrung geschieht durch Ankäufe in bescheidenem Rahmen und durch Stiftungen von Künstlern und Galerien.
Besonders hervorzuheben ist die Stiftung von jetzt 16 Originalgraphiken durch die Thomapyrin Kunstedition der Boehringer Ingelheim Pharma KG. Hochkarätige Graphiken von Baselitz, Lüpertz, Immendorff, Bach, Uecker u. a. sind dadurch in die Artothek nach Biberach gekommen. Angekauft werden Werke zeitgenössischer internationaler Künstler sowie Werke lokaler und regionaler Künstler. In früheren Jahren wurden auch einzelne Werke in Kommission aufgenommen. Da dies jedoch arbeitsaufwendig und wenig ertragreich war, wurde dieser Weg der Bestandsmehrung nicht weiter verfolgt. Plastiken haben wir in unser Angebot nicht aufgenommen. Neben den hohen Preisen hindern uns vor allem praktische Aspekte: Verpackung und Schutz der Kunstwerke erscheint uns momentan zu aufwendig. 235 Ausleihen konnten im vergangenen Jahr verzeichnet werden. Die Ausleihfrist beträgt 6 Monate, eine Verlängerung ist möglich, sofern keine Vorbestellung vorliegt.
Da in den Publikumsetagen nur wenig Platz zur Präsentation der Kunstwerke ist, war die Auswahl bislang nur über einen Ringbuch-Katalog mit Abbildungen möglich. Neben einem Foto des Werkes sind darin der Name des Künstlers und seines Werkes, die Größe des Werkes und des Rahmens, das Entstehungsdatum sowie Kurzinformationen zum Künstler enthalten. Hinweise auf Informationen in den Medienbeständen der Stadtbücherei ergänzen das Blatt.
Nach Überprüfen der Vorrätigkeit am elektronischen Katalog wendet sich der Kunde an die Informationsbibliothekare, die ihm das verpackte Kunstwerk aus dem Magazin holen. Die Ausleihe selbst ist so einfach wie bei Büchern und setzt lediglich einen Bibliotheksausweis voraus. Für das halbe Jahr ist eine Versicherungsgebühr von 6 € zu entrichten, die alle Schäden (außer mutwillig verursachte) an Bild und Rahmen abdeckt. Die Verbuchung erfolgt durch das Servicepersonal. Eine Selbstverbuchung ist wegen der meist großen Formate und der zu entrichtenden Versicherungsgebühr nicht möglich.

"Die Kunst ist zwar nicht das Brot, aber der Wein des Lebens."
Jean Paul

Weiterentwicklung der Artotheksarbeit: Artothek online

Zum zwanzigjährigen Jubiläum der Artothek, das im März 2002 gefeiert wurde, haben Jos. Kloeters, der ehrenamtliche Leiter der Kunstausleihe, und Bibliotheksleiter Frank Raumel mit zahlreichen Neuerungen den Zugang zu ihrem "Kleinod" verbessert. Dabei standen eine professionelle Werbung und eine vereinfachte Bestandserschliessung im Mittelpunkt.
Zeitgemäße Information
1. Zur Information wurde ein vierfarbiges Faltblatt aufgelegt, das mit der städtischen "Begrüßungspost" zukünftig allen Neubürgern zugesandt wird. Neubürger sind eine der wichtigsten Zielgruppen, erfüllen sie doch eine der wichtigsten Voraussetzung für die Kunstausleihe: sie haben meist noch leere Wände.
2. Eines unserer Lesezeichen weist unter dem Titel "Kunst für alle" auf das Kunstangebot hin.
3. Praktische Aufkleber für den PC machen zudem die Internetadresse der Stadtbücherei unvergesslich.

 

"Alle Kunstarten sind gut, mit Ausnahme der langweiligen."
Francois-Marie Voltaire

Inhousepräsentation

4. Im Obergeschoss wurde eine "Artotheksecke" eingerichtet, die außer einigen Kunstwerken - gleich zum Mitnehmen versteht sich - Bücher und Plakate zu aktuellen Kunstausstellungen präsentiert.
5. Gleich daneben läuft als endlose Diaschau die Präsentation des Gesamtbestandes. Wahlweise kann hier auch eine Power-Point-Präsentation über die Nutzung des Kataloges oder verschiedene Auswahlverzeichnisse (Fritz Lang, Dieter Arnold, Kunst für Kinder und Jugendliche) aufgerufen werden.
6. Die Power-Point-Präsentation des Gesamtbestandes incl. der Hintergrundinformationen gibt es daneben nun auch als CD-ROM zum Ausleihen. Die Möglichkeit, sich die Werke am zukünftigen Präsentationsort anzuschauen, wird von privaten Nutzern, von Behörden und Betrieben erstaunlich gut genutzt. Es ist jetzt ebenfalls möglich, spezifische Verzeichnisse nach Bedarf zu erstellen: alle Werke in S/W oder in Farbe, Thema Bauernkrieg, alle Werke eines Künstlers und vieles mehr. Auswahlverzeichnisse, die neben den Kunstwerken auch ergänzende Informationen zum Künstler, der Maltechnik, dem Thema etc. enthalten, könnten auch für den Kunstunterricht interessant sein. Sie werden im Herbst mit dem regelmäßigen Informationsbrief für Schulen beworben.

"Das Kunstwerk ist eine imaginäre Insel, die rings von Wirklichkeit umbrandet ist."
José Ortega y Gasset

Artothek online

7. Über die Homepage des Medien- und Informationszentrums erfährt man nicht nur das Wichtigste zur Bilderausleihe, sondern kann alle Werke über den Katalog (katalog.medienzentrum-biberach.de) recherchieren, anschauen und bei Bedarf vorbestellen. Über die Eingabe "artothek" im Feld "Standort" der Erweiterten Suche erhält man (wenn man vorher die Mengenbegrenzung wegklickt) alle 371 Werke, alphabetisch nach Künstler, von Max Ackermann bis Karl-Roland Ziellenbach, sortiert angezeigt. Die Volltitelanzeige informiert sofort, ob das Werk vorhanden oder bis wann es ausgeliehen ist. Ein Klick weiter erscheint das Foto des Werkes bildschirmfüllend.

"Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit"
Karl Valentin

Auch die Ausleihe von Kunst macht Arbeit und bei knappen Personalressourcen käme dieses Bestandssegment sicherlich zu kurz, wäre da nicht Jos. Kloeters. Im Ruhestand zunächst Galerist, bot er 1995 seine (kostenfreien) ehrenamtlichen Dienste der Artothek an. Seitdem ist er beständig auf der Suche nach Sponsoren und Spendern, bringt die Werke und deren Verpackung auf Vordermann, kümmert sich um Ausstellungen und Kontakte. Zusätzlich steht er jede Woche dienstags 2 Stunden mit seinem Sachverstand für die Beratung Kunstinteressierter zur Verfügung. Dies ist ein großer Glücksfall für Biberach, aber vielleicht auch eine Anregung, bürgerschaftliche Kompetenz in diesem "Randsegment" bibliothekarischer Angebote intensiver zu nutzen. Denn mit professioneller Werbung, komfortabler Bestandserschliessung und einem kundenorientierten Angebot können nicht nur neue Kundengruppen erschlossen, sondern auch akzeptable Umsätze erzielt werden. Rechnet man die halbjährliche Ausleihfrist auf die monatliche von Sachbüchern um, so haben wir im vergangenen Jahr mit 235 Entleihungen einen Umsatz von 3,82 (Ausleihen je Medium und Jahr) erzielt: im Vergleich zu anderen Sachbuchgruppen ein gutes Ergebnis, das mit oben genannten Maßnahmen sicher noch zu steigern ist. Der Bestandsaufbau erfolgt nach Absprache mit Jos. Kloeters. Beobachtung und Ausleihanalyse ergeben klare Ausleihpräferenzen des Publikums: mittlere Formate (ca. 70 x 100 cm Rahmengröße), eher gegenständlich als abstrakt, am liebsten in Farbe ....
Neben Privaträumen verschönern die Kunstwerke der Artothek auch Wartezimmer in Arztpraxen, Konferenzräume und Arbeitszimmer (z.B. des Finanzamtes Biberach). Außerdem gestaltet Jos. Kloeters mit dem Artotheksbestand ein- bis zweimal jährlich thematische Ausstellungen für unseren Veranstaltungsraum (z.B. "Die Akte", "Menschen - Gestalten - Figuren") und leiht auch Bilder zur Ergänzung anderer Kunstausstellungen aus.

Frank Raumel